Lesebühne Schmalz und Marmelade heute. Unter anderem mit diesem Text:
Schreibblockade. Mist. Auch kein alter Text. Nirgendwo. Lohn und Brot. Was will ich dazu schon sagen? Wie ungerecht eine Welt ist, in der Menschen vierzig, ja auch fünfzig Stunden die Woche arbeiten um dann mit 670 Euro netto nach Hause zu gehen, im Monat, versteht sich? Es gibt sie, die Berufe in denen die Feststellung „Arm durch Arbeit“ mehr als zutreffend ist. Vielleicht will ich aber auch fragen, ob Mindestlohn dafür eine Lösung sein kann? Mindestlohn in einem Bundesland, in dem 37.000 Unternehmen zwischen einem und neun Angestellte haben. Wie soll ein Chef das zahlen – so einfach auf Schlag? Einer, der manchmal mit weniger nach Hause geht als seine Angestellten? Und: können wir uns die logisch folgenden Preissteigerungen leisten? Das durchschnittlich verfügbare jährliche Nettoeinkommen jedes Einwohners in Mecklenburg-Vorpommern beträgt 14.266 €. Das sind 21 Prozent unter dem Bundesdurchschnitt. Deutsche Bank-Chef Joseph Ackermann verdient doppelt so viel – PRO TAG. Leistung muss sich schließlich lohnen. Außerdem sind hier die Lebenshaltungskosten viel niedriger. Als ich bei ALDI neulich einen Rabatt von 21 Prozent auf meinen gesamten Einkauf haben wollte, haben die mich rausgeschmissen.
Vielleicht will ich aber auch etwas über Call-Center machen. „Da werden sie geholfen.“ Weil man in Düsseldorf offensichtlich nicht richtig sprechen kann, schossen die hier wie Pilze aus dem Boden. Aber auch, weil reichlich Fördermittel flossen. Mittlerweile gibt es 116 Stück davon hier in M-V. Knapp 15.000 Menschen arbeiten tagtäglich am Telefon. Viele davon in Teilzeit. Leben kann man davon nicht. Genauso wenig, wie von einer Tätigkeit als moderner Sklave. Zeitarbeit. Die Umgehung aller durch Arbeiter und Gewerkschaften erstrittenen Errungenschaften des 19. und 20. Jahrhunderts. Ja, Zukunft muss nicht immer Fortschritt heißen. Ich kann mich einfach nicht entscheiden. Vielleicht sollte ich mal über den Tellerrand, und nach Vorpommern gucken. In den Uecker-Randow-Kreis. Da geht’s voran! Auf seiner Website warb der Landkreis mit einem Lohnniveau, das vierzig Prozent unter dem Bundesdurchschnitt läge. Mittlerweile steht es nicht mehr dort. Zu oft habe ich wohl im Fernsehen darauf hingewiesen. Recht haben sie trotzdem. Schreibblockaden sind echt nicht schön. Heißt ja nicht, dass mir nichts einfällt. Nur, dass alles durcheinander geht. Worüber bloß? Über Kinder wie den kleinen Nick? Nick, der sieben Jahre alt ist und zu den über 4.400 Kindern Schwerins gehört, die arm sind? Dessen Wunsch es ist einhundert Euro zu bekommen, damit er sich zwei Packungen Eis kaufen kann? Ja, vielleicht sollte ich bei Kindern anfangen. Wenn sich die Menschen von ihrem Lohn gerade noch ein Brot kaufen können, wenn überhaupt. Vielleicht sollte ich darüber schreiben, wie es ist, wenn die Kinder nicht mit ins Kino dürfen und zu Hause vor dem Fernseher geparkt werden. Wie sie die Schönheit der Welt nicht kennen lernen werden, weil ihre Eltern damit beschäftigt sind, das blanke Überleben zu sichern. Und das nicht Irgendwo in Afrika sondern Nirgendwo in Deutschland.