Mehr Netto vom Brutto
Schönes neues Jahr erst einmal, liebe Leserinnen und liebe Leser. Ich gelobe Besserung und werde mehr schreiben, vorausgesetzt, Sie machen mit und geben mir das Gefühl, dass ich auch gelesen werde. Ja, auch die Bloggerseele will gestreichelt werden… Nun aber ans Eingemachte (Achtung:Steilvorlage!)!
Gut, also mehr Netto vom Brutto, das hat der Guido versprochen und mit dem ersten Januar ist dies auch zutreffend. Zumindest für ihn. Die ersten 100 Tage hat er überstanden, obwohl ich mir ziemlich sicher bin, dass es einige Wetten gab, die gegen ihn standen. Mehr Netto hat er auch seitdem, allerdings auch mehr Brutto. Ganz abgesehen, dass er Pluspunkte sammelt, da bei ihm die Messlatte, ähnlich wie bei schlechteren Schülern im Schulsport, deutlich niedriger zu hängen scheint. Sie hingegen werte Leserinnen und Leser, die Sie vielleicht gerne als Leistungsträger seitens der Politik bezeichnet werden, haben nichts von den kühnen Versprechungen der Partei für die ehemals besser Verdienenden (-…oder der ehemaligen Partei für … ach, egal…) Zum einen besagt der Begriff LEISTUNGSTRÄGER nicht, dass Sie besonders gut sind, es gibt auch keine Bienchen oder sonstige Sammelabzeichen, er besagt lediglich, dass Sie als Steuerzahler die sta(a)ttlichen Leistungen erbringen müssen.
Zum anderen haben Sie zu Jahresbeginn auch nicht mehr in der Geldbörse. Beispiele gefällig? Schauen wir mal auf das WACHSTUMSBESCHLEUNIGUNGSGESETZ. Für die Übernachtung in Hotels waren bisher 19 Prozent Mehrwertsteuer zu zahlen. Das, so beteuerten die entsprechenden Verbände, sei ein echter Wettbewerbsnachteil und würde zu teuren Übernachtungen führen, die sich weniger Leute leisten können. Das wiederum führe dazu, dass keine Investitionen mehr möglich seien und das wiederum … na, Sie wissen schon. Deshalb würden die Menschen jedenfalls alle nach Malle fliegen und sich dort in billigen zwei-Sterne-Hotels mit noch billigerem Sangria das Hirn aus dem Kopf saufen. Aha. Gegen diese These sprechen jedoch die meisten Veröffentlichungen der Tourismusverbände und amtlich erfassten Statistiken der vergangenen Jahre. Im Gegenteil: Deutschland ist Urlaubsland Nr. 1. Ich selbst habe glaube ich über drei Jahre jeweils zum Saisonende O-Töne gesammelt, die in M-V eine Übernachtungssuperlativ nach dem anderen verkündeten. Aber gut. Die deutschen Hotels sind also nur mit Hilfe einer Mehrwertsteuersenkung auf den ermäßigten Steuersatz von sieben Prozent zu retten. Würde heißen, dass Sie werte Leserinnen und Leser, seit Jahresbeginn ZWÖLF Prozent weniger für eine Hotelübernachtung zahlen würden als noch vor wenigen Tagen. Und, schon gebucht… ?
Keine Sorge, Sie haben nichts verpasst. Selbstverständlich haben die Hoteliers nicht vor, diese Prozente an Sie weiter zu reichen. Leider auch nicht an all die unterbezahlten Beschäftigten dieser Branche. (Auch Babynahrung ist immer noch mit 19 an Stelle von 7 Prozent wie Tiernahrung, besteuert.) Anders der Staat, der braucht natürlich die Kohle, die ihm auf diese Weise entgeht und, wo holt er die her? Richtig, von Ihnen! Das macht der Bund ganz subtil. Zum Beispiel, indem er den Ländern ganz viel Geld wegnimmt, die das wiederum bei den Kommunen abzapfen. Und wenn Sie demnächst für Ihre Kinder keine Schülermonatskarte mehr kaufen können, weil die abgeschafft wurde, nachts in den Straßen stolpern, weil das Licht aus ist, mehr Strom bezahlen, weil Sie bei den Stadtwerken sind, Ihren Job verlieren, weil die Stadt aus Ihrer vormals öffentlichen Einrichtung mal wieder eine Tochter gemacht, hat, die sie mit Billigkräften aus Personalagenturen besetzt, weniger Zuschuss zu dem Betreuungsplatz ihres Kindes bezahlt, die Kosten in der Volkshochschule und im Theater anhebt, den Monatsbeitrag im Konservatorium ebenfalls, die Schwimmhallen schließt, die Schlaglöcher in den Straßen nicht behebt, geschweige denn neue Infrastruktur schafft, die Knöllchen mal wieder teurer werden …. Dann hat sich der Bund das meiste, von dem Sie ja sowieso nicht profitieren, wieder geholt. Wir wollen mal von den Zusatzbeiträgen der Krankenkassen schweigen, genauso wie von den demnächst steigenden Beiträgen für die Arbeitslosenversicherung, natürlich der Arbeitnehmeranteil, Sie wissen schon: FDP!
Immerhin: Sollten Sie Kinder haben, so bekommen Sie jetzt 20 Euro mehr Kindergeld, zumindest beim ersten und zweiten (und mehr trauen sich ja nur die wenigsten). Es sei denn, Sie bekommen Hartz IV, dann wird es gleich wieder abgezogen. Ein Mehrbedarf für Hartz-IV-Kinder gibt es nämlich nicht. Mal ehrlich, die können sich doch die Sachen, die da oben in der Streichliste standen sowieso nicht leisten, oder? Anders bei Trennungskindern (sofern sie nicht Hartz-IV-Kinder sind) für die hat der Staat einen Mehrbedarf erkannt und hebt den Mindestunterhalt um ganze 13 Prozent an. Das ist doch mal was! Zwar nicht gerecht, aber immerhin. Wie sagt man so schön? Der gute Wille zählt! Aber der Freibetrag, der für Kinder, der ist ja auch um 1.000,- angehoben worden! Super, trifft allerdings nur Besserverdienende (>FDP).
Hab ich noch was vergessen? Ach so, die Besteuerung von Schichtzuschlägen steht an, schließlich müssen wir alle den Gürtel enger schnallen…und wir es “erst schlechter, bevor es wieder besser wird”, wie die Kanzlerin in der Neujahrsansprache verkündete. Gut, dass die Arbeitgeberverbände gestern pünktlich verkündeten, dass in diesem Jahr Zurückhaltung bei den Tarifforderungen geboten sei (siehe Gürtel enger schnallen). Schon gleich gar nicht fünf Prozent mehr im öffentlichen Dienst! Wo kämen wir denn dahin. Sollen sie doch sparen die Leute… Auch, wenn sie dann wieder weniger in Hotels übernachten können, billig nach Malle fliegen, noch billiger saufen, …
Tags: FDP, Kinder, Kosten, Neujahr, Tarifforderung, Umsatzsteuer, Wachstumsbeschleunigungsgesetz
05. Januar 2010 um 12:10
Ich kommentiere mal, ohne substenziellen Inhalt zum Thema. Für die Bloggergefühle.
Zum Thema gibt es von meiner Seite wenig zu sagen, stehe da eher in der Ohnmacht der großen Masse. Ich kann immernoch nicht verstehen, warum soviele Menschen, so gewählt haben. Das diese Regierung unser Volk führen darf (das Menschen das wollen) ist einfach nur traurig. Da ist Demoktratie eine ziemlich bittere Angelegenheit.
05. Januar 2010 um 16:14
Danke. Fühle mich gestreichelt! Für den Rest kann ich nur zustimmen.
05. Januar 2010 um 22:39
“Einzige und letzte Aufgabe eines Staates, sei seine Abschaffung!”
Ich meine ja nur…
FH
06. Januar 2010 um 14:48
Sehr schöne Analyse.
Heute schrieb Detlef Esslinger zu dem Problem Wachstumsbeschleunigungsgesetz und den anstehenden Tarifrunden sehr treffend folgendes in der Süddeutschen:
“Wären die Minister Schäuble und de Maizière Unternehmer, die Löhne aus ihrer Firmenkasse zu bezahlen hätten: Man könnte eine Art Gerechtigkeit darin sehen, dass sie sich als Erste mit den Folgen ihrer Voodoo-Ökonomie auseinandersetzen werden. Denn selbstverständlich prägt der Staat die Lohnpolitik nicht nur dort, wo er selbst Tarifpartei ist. Er prägt sie auch durch seine Steuer- und Abgabenpolitik.”
Die Voodoo-Ökonomie gefällt mir, allerdings muss man Schäuble und de Maiziére ja fast in Schutz nehmen. Die Voodoo-Ökonomen treffen sich gerade in Stuttgart und sind…natürlich die Herren der FDP.
Zu den angesprochenen ehemals städtischen und mittlerweile privatisierten Betriebe, die dann Stellen kürzen, ein aktuelles Beispiel: http://www.svz.de/artikel/article//kita-bernitt-zu-teuer.html?cHash=5818b986d0&no_cache=1&sword_list0=kita&sword_list1=bernitt
Schönes neues Jahr.
07. September 2011 um 22:24
[...] gebe zu, in der Vergangenheit habe ich mich ein um das andere Mal über Euch lustig gemacht, sogar Kritik geübt. Ich entschuldige mich aufrichtig. [...]