Schöne Scheinwelt
Guten Morgen Scheinwelt!
Wir leben in einem Land, in dem nicht Können, sondern Scheine über das Wohl und Wehe von Menschen entscheiden. Nehmen wir das Beispiel “Führerschein”. Ich habe meinen mit Vollendung des 18. Lebensjahres erworben. Es war die erste ernsthafte Prüfung meines Lebens. Heute habe ich ihn und, wenn ich weiterhin ganz ordentlich fahre, auch noch bis an das Ende meines (hoffentlich) langen Lebens. Die Prüfung, die ich damals mit null Fehlern bestand, würde ich heute, ohne neu zu lernen, wahrscheinlich nicht mehr schaffen. Fahren darf ich trotzdem. Ich habe auch ein Abiturzeugnis. Das sagt aus, dass ich meine Muttersprache und drei weitere Sprachen fließend spreche, in Mathe ganz gut, und in Sozialkunde super bin.
Der Durchschnitt zählt und dieser würde mich über viele NCs nur müde lächeln lassen. Nur bitte spreche mich niemand, sagen wir mal auf Russisch an, und verlange dann auch noch eine grammatikalisch korrekte Antwort in der gleichen Sprache. Ich habe sogar einen Schein, da steht drauf, dass ich eine soziale Kompetenz von 96 Punkten habe, bei 100 möglichen. Was auch immer das über mich aussagt. Ich habe noch viele andere Scheine, die etwas darüber aussagen, was ich einmal gelernt habe. Nirgends ist auf diesen Dingern ein “logout” verzeichnet. Kein Ablauf der Frist, keine Aussage darüber, ob ich das, was dort steht überhaupt noch kann. Und doch: lege ich diese Scheine an passender Stelle vor, wird mir automatisch eine Qualifikation zugestanden. Toll! Um diese Scheine zu erreichen, habe ich Bücher gelesen, Aufgaben gelöst, nachgefragt, praktische Erfahrungen gesammelt und irgendwann an einem Tag in meinem Leben eine, je nach Tagesform, gute oder weniger gute Leistungsprüfung abgelegt. Ein Tag. Ein Schein. Ein Leben? Auch heute lese ich Fachbücher, frage bei anderen nach wie die das machen, lasse mir Dinge erklären, übe, sammle praktische Erfahrungen. Scheine habe ich keine dafür. “Lebenslanges Lernen” – das Schlagwort der Bildungs- und Wirtschaftspolitik, ist für mich keine hohle Phrase, sondern tägliche Realität. Doch sollte dieses moderne Lieblingskind der Politik besser umbenannt werden in: “Lebenslange Scheine”. Denn nach wie vor gilt: Ohne Schein kein Sein. Danke Deutschland, du Land, der eng begrenzten Möglichkeiten …