Aus der Schublade gekramt
Manchmal da kram ich in der Schublade oder auf Festplatten. Da finde ich Einiges. Zum Beispiel dies:
Habe gehört Deine Mutter ist gestorben?
Meine Freundin Toni ist wirklich die Beste. Nur sie schafft es die Dinge, die sie wirklich interessieren am Ende ihrer Briefe unterzubringen.
Antonia, das Familientier, hatte mein Verhältnis zu meiner Mutter eigentlich nie verstanden. Aus meiner Sicht war es ganz einfach – es gab gar keines.
Nun ist sie tot und Toni braucht einen zweiseitigen belanglosen Brief, um mich im Nachsatz zu fragen wie es mir damit geht. Andere schreiben da lieber so Dinge wie:
P.S. Grüße doch Anton von mir.
Meine Mutter hatte keinen schönen Tod, falls es so etwas überhaupt gibt.
Alle dachten sie würde an einer ihrer tausend Krankheiten sterben, die sie über die Jahre immer ausgiebig gefeiert hatte. Die Realität hat sie dann in Form eines LkW’s eingeholt. Nicht das Auto selbst sondern ein Stück loser Ladung verformte ihr das Gesicht. Nach einem Tag auf der Intensivstation wurde ihr Tod amtlich festgestellt.
Ich bin nicht da gewesen. Was also sollte ich Toni nun schreiben? Dass ich froh bin, mit der Aussage, dass meine Mutter tot ist, endlich nicht mehr lügen zu müssen? Das ist zu hart. Darauf hin bestünde zu befürchten, dass die Arme so lange Ratgeber studierte und Studien läse, bis sie eine angemessene Therapie für mich gefunden hätte.
Ignorieren? Geht auch nicht. Die Gefahr, dass meine Mutter postum vom post scriptum zur Einleitung aufstiege, wäre zu groß und ihrer Bedeutung auch nicht angemessen.
Anrufen? Rhetorisch war ich meiner Freundin schon immer überlegen – aber welche Argumente lassen sich finden, wenn anscheinend die ganze Menschheit davon überzeugt ist, dass Mütter eine ganz besondere Beziehung zu ihren Kindern haben? Und die Kinder ihnen dafür auf ewig dankbar sein müssen (Was dann ja jetzt, Gott sei Dank, vorbei wäre)?
Bleibt nur schreiben. Papier ist geduldig. Es wird Antonias Kopfschütteln ertragen. Ihr entsetztes Gesicht. Es lässt sich auch ohne ein schlechtes Gewissen herumzeigen. Sie kann es in die Tasche packen und als Mahnung für ihre eignen Kinder mitnehmen, sollten diese mal wieder anders als ihre Mutter ticken. Papier also. Besonderes Papier muss es schon sein. Dickes, festes. Im Laden finde ich Blätter, die den schönen Namen Elefantenhaut tragen. Das ist genau das Richtige. Elefanten sind tolle Tiere. Gemütlich, ein gutes Langzeitgedächtnis und wen sie nicht leiden können, dem treten sie anständig in den Hintern.
Liebe Antonia,
der Abendhimmel über unserem Haus ist ganz außergewöhnlich. Ich liebe diese Tage im Februar, an denen die Luft vor Kälte klirrt, die zugefrorenen Seen singen und der Mond als große runde Scheibe ganz tief am Himmel hängt. Allerdings ist es völlig unmöglich diese Stimmung auf einem Foto einzufangen. Ich hab’s versucht. Nicht drin. Manchmal wünschte ich, der Mond ließe sich von diesem schwarzblauen Himmel einfach abhängen und mitnehmen. Bei mir würde er einen Ehrenplatz bekommen. Ganz sicher. Es ist nicht diese Art Vollmond, bei der niemand richtig schlafen kann. Mehr so der Pfannenkuchenmond wie beim kleinen Hävelmann. Ich möchte mein Nachthemd aufspannen und hinsegeln zu meinem Freund dem Mond. Als ich klein war, habe ich den Hävelmann echt beneidet. Wie der so durch die Nacht segelte… ich hatte nur Angst. Angst vor dem alleine sein – ganz allein in der Dunkelheit. Es gibt wenig Dinge an die ich mich in meiner Kindheit erinnern kann. Ab wann setzt da eigentlich das bewusste Erinnern ein? Drei? Vier? Fünf? Oder muss ich jetzt warten, bis mir altersgeplagt die Kindheit wie ein Film erscheint? Es heißt ja, dass diese Dinge dann wieder in den Vordergrund treten. Eigentlich will ich mit neunzig dann aber auch nichts mehr wissen was mir in der Kindheit widerfahren ist. Vielleicht ist es mir dann aber auch egal. Wer weiß das schon? So gesehen ist Dunkelheit ja auch eine ganz praktische Sache. Zumindest die geistige. Verdrängung gehört zu den lebenswichtigsten Funktionen wie ich finde. Nicht nur für mich persönlich. Wir Deutschen sind ja Meister darin. Also habe ich mich mit der Dunkelheit angefreundet. Habe herausgefunden wie wichtig sie ist. Will sie nicht mehr missen. Heute könnten der kleine Hävelmann und ich gute Freunde sein. Wir würden uns nachts treffen, die Nachthemden aufspannen und zum Mond segeln.
P.S. Meine Mutter ist tot – und ich bin froh darüber.
Tags: Geschrieben, Schubladen, Texte